Schamanen

Staatsdoktrin der Sowejetunion
Unter der atheistischen Staatsdoktrin der Sowjetunion wurden Glaubenszeugnisse jeglicher Art und Konfession als Störfaktoren angesehen und behandelt. Die autonomenTeilrepubliken wurden gezwungen, sich den Ideologien des Regimes zu beugen. BALZER bezeichnet das damals vorherrschende Klima als country-wide, ideologically   driven   Soviet   environment of    blatant    repression (BALZER 1996: 3). Die Unterdrückung und systematische Zerstörung berührte aber nicht nur religiöse, sondern im Sinne der Kollektivierung    und    Uniformierung vor allen Dingen auch traditionelle Äußer- ungen von Minderheiten. In den 1920er und 1930er Jahren konzentrierte man - sächlich auf das Erreichen eines westlich orientierten Modernitäts- standarts. Im Folgenden fasst HOPPÁ L dieses Bestreben zusammen und beschreibt in der anschließenden Argumentation dessen immanente Auswirkungen auf kulturelle Traditionen im Allgemeinen und auf den Schamanismus Sibiriens im Speziellen, der sowohl als religiöses, wie auch als national-kulturelles Phänomen gelten kann: „The most important ideal in those decades was that of the modern world, that could be created through development.“ „Modernity was always accompanied by destruction. In most cases, transformation meant the destructions of earlier structures (…) It was perhaps folk culture that was most strongly affected by those changes. In the eyes of the militants of modernity, cultural traditions were the most hated enemy. This was especially true in Siberia, where the archaic beliefs and mythology, the heroic epic and narrative tradition preserved the identity of the ethnic minorities. This meant that shamanism was among the elements of traditional culture to be eridicated“ (HOPPÁL 1996: 1f).
Auch der jakutische Schamanismus wurde so zum most    hated    enemy “, zum irritierenden Hindernis auf dem Weg zu einer Fortschrittlichen Sowjetunion. Ausgehend von dieser Tatsache wählte die Staatsgewalt verschiedene Methoden zur Durchsetzung der sowjetischen Ideologien. Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre wurden beispielsweise rituelle Gegenstände, die im Besitz von Schamanen waren, eingesammelt und gezielt vernichtet. Insbesondere waren davon natürlich die Schamanentrommeln betroffen, als das zentrale Instrument, um überhaupt schamanische Praktiken ausüben zu können. Im Zuge imposanter, öffentlicher     Verbrennungen , an denen teilzunehmen sogar Schulkinder eingeladen wurden (vgl. BALZER 1996: 4), zerstörte man die Trommeln. Den Schamanen blieb die Möglichkeit, ihre Besitztümer vor den Flammen zu retten und sie stattdessen einem Museum zu „spenden“, ein Zugeständnis gegen das Versprechen, fortan linientreue und produktive Mitglieder der Gesellschaft zu sein (vgl. ebd. 1996: 3). Unter diesem Druck legten einige Schamanen de facto ihre Praktiken nieder, während andere im Untergrund   weiter Klienten behandelten. Viele Vertreter dieser Gruppierung wurden in Gefängnisse,   Arbeits-   oder   Konzentrationslager abgeführt, wo einige starben (vgl. HOPPÁL 1996: 5 und BALZER 1996: 3) Das volle Ausmaß der Suppression ist allerdings schwer zu bestimmen, denn „some shamans officially were arrested for other offences, when their true `crime´ was the practice of shamanism.“ (BALZER 1996: 3) Bald wurden schwere Vorwürfe gegenüber den Schamanen in der Öffentlichkeit laut; das Kalkül von staatlicher Seite, eine möglichst große Menge der Bevölkerung gegen die Staatsfeinde zu mobilisieren. Die Volksheiler wurden als Betrüger und Scharlatane diffamiert (vgl. ebd. 1996: 3) und ferner beschuldigt, die heimlichen Initiatoren und Anführer der anti-sowjetischen Opposition zu sein. Dies geschah im Jahr 1924 und wurde gefolgt von einem Gesetz, das schamanische Tätigkeiten amtlich für illegal erklärte. 1930 ging man dazu über, Schamanen, die sich von Verboten unbeeindruckt zeigten, ihre Trommeln versteckten und weiterhin Klienten kurierten, das Wahlrecht und somit jegliches Recht auf eine ordnungsgemäße Zugehörigkeit zur Gemeinschaft zu entziehen. Nach dem zweiten Weltkrieg spielten öffentliche Verlautbarungen und Vorwürfe wieder eine große Rolle. Wer noch immer versuchte, als Schamane tätig zu sein, wurde für verrückt und mental instabil erklärt . Diese Strategie der Behörden basierte erneut auf der Idee, das Misstrauen der jakutischen Bevölkerung gegenüber den Schamanen zu schüren und somit jeg- lichen Widerstand gegen deren Deportation auszuräumen. Man ließ die Schamanen in Irrenhäuser   („psykushki“)   einliefern, wo eine „broadly   defined   shizophrenia“ (Ebd. 1996: 3) diagnostiziert wurde. Die mentale Disposition der Schamanen wurde als so ernsthaft und gefährlich eingestuft, dass inhumane Drogenbehandlungen berechtigt erschienen.

3.1. Die atheistische Staatsdoktrin der Sowjetunion

3.2 Methoden zur Vernichtung des jakutischen Schamanismus

The result of the fight against because shamanism in 20s to the 30s was the extensive destruction of a holistic system of meaning with the associated religious, philosophical, moral and ethical and medical knowledge of indigenous peoples of Siberia.
Es ist kaum verwunderlich, dass „Fear of psykushki and of ridicule kept shamas‘ descendents, who may have inherited curing talent and felt spirit calls, from practicing“ (Ebd. 1996: 3). Ein weit verbreitetes Resultat dieser staatlichen Vorgehensweise war auch die tatsächliche psychische   Erkrankung   vieler   Schamanen , derer Nachkommen oder Schüler, die, geplagt von Verwirrung und Angst, vermutlich Paranoia und Phobien ausbildeten. Doch auch auf Sowjetischer Seite blieben die jahrzehntelangen Maßnahmen gegen die jakutischen   Schamanen   nicht   ohne   Folgen . Man sprach über deren rätselhafte Fähigkeiten, die man bei aller politischen Zwietracht doch nicht voll- kommen dementieren konnte und besorgniserregende     Geschichten über verheerende Schicksale von Familien, deren Mitglieder in die Sowjetische Kampagne gegen Schamanen involviert waren, machten die Runde. In diesen Kreisen häuften sich frühe     Todesfälle , verschiedene schwere Krankheiten und Unfälle. Die Folge war eine „psychology of familial fear“ (Ebd. 1996: 5) und der weitverbreitete Glaube an schamanische Flüche . Es wird allgemeinhin angenommen, dass die sowjetische Propaganda gegen die „Kulak-Schamanen“ auf einer Mischung   aus   Angst   und   Bewunderung basierte. Diese Ambivalenz charakterisiert seit jeher den öffentlichen Umgang mit den fremden Mächten Die erwähnten Ereignisse der sowjetischen Episode Jakutiens führten dazu, dass das Glaubenssystem des Schamanismus zeitweise für tot erklärt wurde und im breiten öffentlichen Bewusstsein kaum noch existierte.

3.3 Folgen

Fussnoten 4 „They generally induce the religious motivated state of altered consciousness in the interest of and in accordance with, the whole of their society, in which they act as religious interpreters and to which they convey a feeling of security in relation to the powers of the other world“; JOHANSEN: 41. 5 „A potential shaman could be recognized by an abnormal, often highly nervous, disposition. All over Siberia and inner Asia, selection was often preceded by the shaman’s sickness. The first symptoms might be states of mental unbalance, fits of hysteria, periods of seclusion, unusual visions and the hearing of voices, or states of physical torment“; SIIKALA: 5. 6 „The next phase of the initiatory period is one of visions and the hearing of voices, during which the novice undergoes his intitiation by spirits. During these experiences the novice feels that the spirits are actually destroying his old ego, dissecting or boiling it, after which he is to be ressembled as a new shaman, capapble of seeing that which is hidden to ordinary men“; SIIKALA:6. 7 „The ritual objects and the shaman’s attributes symbolize the shamanistic worldview. The most important item ist he drum“; SIIKALA: 9. Weitere sogenannte „Paraphernalia“ des Schamanen sind: eine spezifische Schamanentracht, Schamanen-kronen und Amulette. KRESSING: 7. 12 „(…) shamanic accountrements, taken away during Soviet campaigns against shamanism“; BALZER 1996: 2 und „In the late 1920s and early 1930s, hundreds of shamans‘ drums were burned“; BALZER 1996: 3. 13 Die Klienten waren dafür sehr dankbar. Die Erzählungen vieler Jakuten belegen, dass selbst in dieser schwierigen Zeit der Unterdrückung die medizinische Nachfrage an die schamanischen Heiler sehr groß war. Zum Teil wurden diese sogar mit größerem Vertrauen bedacht, als Schul-mediziner („They didn’t call the doctor, they called the shaman“; BALZER 1996: 5). 14 „leaders of anti-Soviet opposition (…) undermining cultural-national rebirth and the political growth of the peoples (…) thus considered to be under the jurisdiction of the criminal code of the RSFSR“; BALZER 1996: 4. 15 „A follow-up law (…) made it illegal to practice any kind of medicine without a special medical education and degree“; BALZER 1996: 4. 16 „In 1930 all the shamans‘ drums were taken to museums. If shamans still tried to sneak seances with patients, or if they tried to hide their drums, then their voting rights were taken away, This meant they were without any rights to use land or to embership in the collective. They were outcasts, class enemies, kulaks“; BALZER 1996: 4. 17 „(…) one tragic irony of soviet shamans was that some indeed became as deranged as their soviet accusers claimed them to be“; BALZER 1996: 3. 18 „Fear of shamanic curses in families whose members were involved in Soviet repression has been repeated across the North, and through generations“; BALZER 1996: 5. 19 „Soviet propaganda against „kulak-shamans“ played on a mixture of fear and admiration that had traditionally been part of community perceptions of local shamans“; BALZER 1996: 3. 20 „A few decades ago it was generally held that shamanism in Siberia had ceased to exist and belonged among the worthless ideological memories oft he past“; HOPPÁL 1996: 1.
Schamanismus als Ressource der Ethnititätskonstruktion im heutigen Jakutien

Schamanismus als Ressource der Ethnititätskonstruktion im

heutigen Jakutien | Sarah Triendl

Kapitel | Die systematische Unterdrückung der Schamanen in der Sowjetunion
Methoden zur Vernichtung Folgen
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Fortsetzung folgt